ANTON AUS TIROL

 

 

 

 

Als der DJ und Hobby-Schlagersänger Claus Marcus, der passionierte Tontechniker Christian Seitz und ich Anfang 1999 nach dem unerwarteten Erfolg von "A klana Indiana", unserer ersten gemeinsamen Veröffentlichung überhaupt, in allen Landdiscos und Kinderzimmern gefeiert wurden, wusste ich noch nicht, dass dies erst der Anfang einer Reise war, die uns unglaublich emotionale Höhepunkte und Erfahrungen bescherte. Ich erinnere mich noch gut, als Christian im Laufe desselben Jahres mit leuchtenden Augen in mein Kellerstudio hinabschritt und begeistert verkündete, er hätte einen neuen Auftrag für uns. In der Hand hielt er eine Tonbandkassette mit einem alten Song dreier steirischer Komponisten, die bereit waren, diesen vertrauensvoll in unsere Hände zu legen, um ihn millenniums- und skihüttenreif neu zu überarbeiten.

Die anfängliche Euphorie war jedoch schnell verflogen, als ich mir den Song anhörte und einen mittleren Brechreiz verspürte, denn österreichische Volksmusik der 80er-Jahre war für mich bis dato ein absolutes Sperrgebiet. Es war jedoch wieder Christian, der mich zurück ins Leben holte, indem er mich an meine alten Stärken und die Nummer-1-Hits von „Edelweiss“ erinnerte, in denen ich schließlich nichts anderes gemacht hatte, als Volksmusik mit Dance Beats zu kombinieren. Und wo Christian Recht hat, hat er auch meistens Recht, daher setzten wir uns bald zu dritt motiviert ins Studio, um herauszufinden, wie man diesem alten Titel neues Leben einhauchen könnte. 

Schnell war klar, dass wir die vor Schmalz triefenden Originalstrophen durch eine Art Rap ersetzen mussten. Viele andere neue Elemente kamen durch ausgiebiges Durchforsten meiner Soundlibrary (wie etwa die Sirene von "The Sweet") sowie geselliges Zusammensein im Studio (wie zum Beispiel die "Anton, Anton"-Chöre) zustande. In dieser Hinsicht erwies es sich auch als großer Vorteil, dass jeder einzelne von uns ein gewisses Potenzial Rebellion und Wahnsinn ins Team einbrachte, und so entstand innerhalb kürzester Zeit wie aus dem Nichts ein Song, der ein neues, eigenständiges Potenzial ausstrahlte. Vorerst nahmen wir die Vocals mit Walter Schachner, einem der Originalkomponisten auf, und unser "Auftrag" war damit beendet. 

Ganz zufrieden ließ uns das jedoch nicht zurück, denn wir sahen in der gesamten Produktion weitaus mehr Potenzial, als sie mit einem unbekannten steirischen Sänger jenseits der 40 auf die Après-Ski-Meute loszulassen. Hier mussten wir unbedingt was tun. Dies sahen auch Walter und seine Kollegen ein, und wir erhielten die Erlaubnis, uns nach einem "g'standenen" Tiroler umzusehen, der dem Song noch die letzte Note nach außen geben könnte. Claus Marcus, der damals schon als DJ in jedem Schlagerstadl der Republik unterwegs war, wurde sozusagen damit beauftragt, weil das Christian und mich als Erz-Wiener leicht überforderte.

Nach relativ kurzer Recherche stieß Claus schließlich auf Gerry Friedle, der damals schon als "DJ Ötzi" Furore in diversen Discos im In- und Ausland machte, indem er ein ausgeprägtes Talent hatte, sein Publikum lautstark zum Alkoholkonsum zu bewegen, obwohl er selbst strikt abstinent war. Sein ins Mikro gebrülltes „Jackie, Jackie Cola!“ ist heute noch das Markenzeichen, was unser erstes Treffen in der Wiener Nachtschicht für mich so einprägsam machte. Jahre später wurde mir gegenüber übrigens immer wieder behauptet, dass auch Hansi Hinterseer in der engeren Wahl als Interpret war. Woher das Gerücht kam, habe ich nie rausgefunden, finde es aber nach wie vor lustig.

Selbst bei seinem ersten Besuch im Studio war Gerry noch skeptisch und versuchte die Kurve zu kratzen, indem er uns fragte „Können wir das nicht so machen, dass ich euch das einsinge, ihr mich aber nicht namentlich anführt?“. Nach kurzer Überredungsarbeit durch Christian, der, wie bereits erwähnt, sehr überzeugend argumentieren kann, erklärte sich Gerry dann aber bereit, das Wagnis mit uns einzugehen. Wir gingen anfänglich dennoch auf Nummer sicher, indem wir das Projekt „Anton featuring DJ Ötzi“ nannten, um nicht ohne Künstler dazustehen, wenn es nicht wie erhofft lief. Tief in uns waren wir allerdings mittlerweile davon überzeugt, dass wir mit ihm gemeinsam eine echte Chance auf den ganz großen Wurf hatten, nicht zuletzt auch, weil Gerry ein Mensch ist, den man nicht mehr vergisst, und der die große Fähigkeit hat, andere zu inspirieren und zu motivieren.

Und so präsentierten wir schließlich die fertige Produktion unserer Plattenfirma EMI Austria, bei der wir nach zwei Nummer-1-Hits große Vorschusslorbeeren hatten und die uns voll vertrauten, obwohl sie anfangs ebensowenig mit dem Song anfangen konnten.

Im Jahr 1999 gab es auch noch keine typische „Après-Ski-Szene“, daher waren weder wir noch die EMI darauf vorbereitet, wie man so ein Brachialwerk korrekt veröffentlicht und promotet. Und so veröffentlichten wir „Anton aus Tirol“ Anfang September ohne jeden Plan, was jeden Musikmanager Jahre später die Hände über dem Kopf zusammenschlagen hätte lassen. Unser Motto war eher „wir werfen’s mal eben gegen die Wand und schauen, ob’s picken bleibt“. Nach unserem Erfolg mit dem „Indiana“ konnte die EMI uns aber immerhin so platzieren, dass wir von September bis Dezember stets zwischen Platz 10 und 15 der österreichischen Charts innehatten. Dennoch waren wir drei etwas enttäuscht, weil wir mit mehr gerechnet hatten und uns auch nicht so recht trauten, Gerry ins Antlitz zu blicken, wo wir doch vorher so selbstsicher und euphorisch agierten. Von Deutschland war hier auch noch gar nicht die Rede. Wir hatten schlicht keine Erklärung für den „Misserfolg“.

Doch plötzlich passierte etwas, was aus heutiger Sicht „eh logisch“ erscheint, damals aber keiner von uns prognostizierte. Die deutschen Touristen überfielen wie jedes Jahr die österreichischen Skigebiete und verliebten sich auf Anhieb in den Song, der irgendwie anders war als alle anderen und sich dadurch sofort in jedermann’s Gehirnwindungen einbrannte. Selbst nicht so hartgesottene Schlagerfans wie Anwälte, Ärzte und die Society der Nobelskiorte wie Kitzbühel sangen und grölten ohne jegliche Scham mit. Und plötzlich ging’s auch in den Charts nach oben. Kaum hatten wir Mitte Jänner, katapultierten wir uns auf Platz 1 in Österreich und behielten diesen auch 12 Wochen lang, also quasi bis zum Ende der Skisaison. Die deutsche Plattenfirma sprang natürlich begeistert auf den Zug auf und tat ihr Möglichstes, um hier nicht hintenan zu stehen, bis schließlich der denkwürdige Tag im März 2000 kam, an dem Mola Adebisi in den „Viva-Top-100“ süffisant bemerkte: „Ihr habt es so gewollt, na dann bekommt ihr es auch. Hier kommt die neue Nr. 1 der deutschen Charts: DJ Ötzi mit Anton aus Tirol“.

Für mich erfüllte sich an dem Tag ein großer Traum, da ich von den ersten Stunden an ein „Viva“-Seher war und mir nichts sehnlicher wünschte, als einmal ganz oben am Treppchen der wöchentlichen Chartssendung zu stehen. Dass es ausgerechnet mit einem Volksmusiksong klappte, nahm ich belustigt zur Kenntnis und genierte mich keine Sekunde dafür.

Dennoch realisierten wir erst ein paar Jahre später so richtig, dass an diesem Tag eigentlich der Après Ski als Mainstream-Musikrichtung geboren wurde und wir das Genre „Schlager“ soundmäßig revolutioniert und in weiterer Folge in der „Gesellschaft“ wieder salonfähig gemacht hatten.